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*Die kleinen Wunder im Alltag, die wahrhaft groß sind

heike barhocker

 


Es gibt sie noch, die kleinen und doch ganz großen Wunder; nämlich Menschen, die mitdenken und scheinbar auch mitfühlen.

Und doch sieht man an meiner Reaktion, dass diese Wunder wohl selten sind und mir deshalb so auffallen.
Ein Konzert, zu dem wir bei guten Musikerfreunden eingeladen sind: sie stellen ihre neu gegründete Band und deren musikalischen Auftritt vor. Ich bin naiv davon ausgegangen, dass es Sitzplätze geben würde, was aber bei solch rockiger Musik eigentlich keinen Sinn machen würde …
Empfang mit Sekt, gemütliches Beisammensein, Freunde treffen, sich austauschen und die Vorfreude auf den speziellen musikalischen Abend. Tolles Ambiente, mein Herzchen freut sich – ich fühle mich wohl, verzichte auch auf meinen „Gehstock-Schirm“, weil ich nicht ganz so wackelig bin heute.
Trotzdem spüre ich, dass das lange Stehen zum Sektempfang schon etwas schwierig ist.
Dann geht es hinein in den Raum und: Schock für mein MS-Hirn: keine Stühle.
Das erste Wunder, nein – kein Wunder, denn es passiert durch meinen Mann und er kennt mich und denkt immer gut mit, trotzdem freue ich mich: er sucht uns einen Platz an der Wand zum Anlehnen und neben einem Stehtisch, sodass ich mich abstützen kann. Freude, Liebe und Geborgenheit – das sind die Gefühle, die auf mich einströmen.
Die Musiker platzieren sich auf der Bühne und plötzlich signalisiert mir der Schlagzeuger, als er sich auf seinen Hocker setzt (er spielt auch mit meinem Mann zusammen in einer anderen Band und weiß von meiner MS), ob ich auch gerne einen Stuhl hätte. Ich glaube, ich brauche Euch nicht zu sagen, was ich in dem Moment empfunden habe. Tiefe Dankbarkeit, und Zuneigung ….

Er organisierte mir dann, zusammen mit der Frau des Bassisten, einen Barhocker, so dass ich sogar hoch genug saß, um mit der stehenden Meute „mithalten“ zu können. DAS ist für mich ein kleines Wunder, es ist Integration, vielleicht gar Inklusion und was es vor allem für ein geschundenes MS-Seelchen ist: unbezahlbare FREUDE.

Hier ist genau das passiert, was uns so oft fehlt: schnelle unauffällige Hilfe, diskret und doch so liebevoll. Mitten im Trubel eines ersten Auftrittes mit der neuen Band denkt er an mich und mein Handicap.


Die Musik war einfach nur GUT, genial und toll und dass ich den Abend auf eine ganz besondere Art und Weise genossen habe, muss ich ja nicht erwähnen.
Solche Erlebnisse tragen mich, behüten mich und lassen mich spüren, dass es doch immer und immer wieder Menschen in meinem Umfeld gibt, die mitdenken, mitfühlen und sich sogar helfend einsetzen.
Ein wundervoller Abend voller verschiedener Emotionen, die in ihrer Farbenpracht nicht zu überbieten waren.
DANKE sage ich hier mal ganz laut.
Hallo MS im Übrigen 😉

©2014 Heike Führ/multiple-arts.com

* Smiley, mein kleiner Hunde-Therapeut

2013-10-24 09.49.07  Smiley

Es ist sicher unumstritten, dass Tiere heilende Wirkung auf den Menschen haben, auch wenn es immer noch wissenschaftlich als schwer nachweisbar gilt.
Wichtig ist sicherlich, dass der Patient für sich selbst eine Wirkung spürt, oder zumindest wieder stabiler wird.
Tiere spenden Trost und helfen, einen strukturierten Tagesablauf wieder zu finden, sie fordern Beachtung, brauchen Pflege und Liebe und geben Liebe und wertfreie Treue im Überfluss zurück.

Allgemein profitieren Hundehalter gesundheitlich von ihren Vierbeinern, da sie bei Wind und Wetter hinaus müssen, um ihrem Tier – und damit sich selbst – Auslauf zu verschaffen. Davon profitieren nicht nur Herz und Kreislauf, sondern auch das Immunsystem und das ist gerade für MS-Patienten von Vorteil. So helfen beispielsweise speziell ausgebildete Hunde auch Rollstuhlfahrern, ihren Alltag besser zu meistern.

Aber nicht nur die rein praktische Hilfe ist erwähnenswert, sondern auch die emotionale Hilfe. Die bloße Anwesenheit eines geliebten Haustieres kann neben Lebensfreude, Spaß und Nähe, auch Trost spenden und wohltuend auf die Psyche des Patienten einwirken, als auch als Antrieb zur Auseinandersetzung mit eigenen Problemen dienen.

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Ich durfte selbst erleben, wie mir mein noch recht „neuer“ Hund in einer schwierigen gesundheitlichen Phase und während des kräftezehrenden Widerspruchsverfahren der RV treu zur Seite stand, die Prioritäten verrückte und mir somit wieder Freude und Zuversicht in meinen Alltag brachte. Ohne Smiley, die Ablenkung, Abwechslung durch ihn, seine unglaublich liebevolle, sanfte und loyale Art hätte ich die letzte “heiße” Phase des Widerspruchsverfahrens sicher nicht so psychisch unbeschadet überstanden.

Denn auch negative Gefühle können mit einem Haustier gemeinsam auf einer besonderen Ebene verarbeitet und somit aufgelöst werden.

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Auch bei Menschen, die an Stimmungsschwankungen oder Depressionen leiden, können Tiere teilweise therapeutische Hilfe leisten.

Ein Vierbeiner kann eine gewisse Antriebslosigkeit und mangelndes Selbstvertrauen eines Patienten hilfreich beeinflussen, da sich der Betroffene für seinen „Mitbewohner“ verantwortlich zeigt – zeigen muss – und somit seine oft selbst gesteckten Grenzen plötzlich wieder übertreten KANN.
Ich war z.B. mittlerweile sehr unsicher, was das Gehen betraf, stolperte und stürzte viel und traute mich alleine kaum noch weiter, als bis zum Auto oder andere vertraute Punkte. Dursch Smiley funktionierte es ganz “plötzlich” und spontan wieder, dass ich mir auch etwas längere Strecken zutraute. Damit wuchs nicht nur mein Selbstbewusstsein, sondern auch meine körperliche Stabilität.

Die Verbundenheit zu meinem Hund, die ich kennenlernen durfte, ist einmalig und wohltuend, ein Segen und unsagbare Hilfe im Alltag. Emotional und physisch.

Sicherlich macht ein Hund auch viel Arbeit, aber das ist wie mit eigenen Kindern: die Liebe und das, was man zurück bekommt, gleicht alles wieder aus. Und absolut in Kauf zu nehmen.

Eine Therapie der besonderen Art, gespickt mit viel Wärme, Zuneigung, Freude und herzhaftem Lachen. Nicht zuletzt auch über sich selbst.

20130711_171147  ©Heike Führ/multiple-arts.com

 

 

*ANGEHÖRIGE

2012

Ich bin der festen Überzeugung, dass zu wenig und zu selten an die direkten Angehörigen, Freunde und Verwandten der Betroffenen gedacht wird.

Im dem Sinne, dass man sie mal fragt, wie es ihnen geht: im Allgemeinen und in Bezug auf die Krankheit ihres Angehörigen.

Nehmen wir den Partner in einer Erwachsenenbeziehung: wenn er sich dafür entscheidet, bei dem Kranken, Behinderten mit all seinen Beeinträchtigungen  zu bleiben, dann ist auch sein Leben maßgeblich von den Umständen der Behinderung seiner PartnerIn betroffen. Nicht nur ein bisschen: nein, fast völlig!

Er hat seinen eigenen Beruf, das ist das „fast“, denn selbst während der Ausübung seiner Tätigkeit wird er sich Gedanken um dem Partner machen. Vielleicht kann er auch nicht selbstverständlich morgens aufstehen, da er dem Partner behilflich sein muss. Vielleicht hat er, bis er zu seiner Arbeit erscheint, schon seinen persönlichen Hilfs-Marathon laufen müssen und ist selbst schon erschöpft.

Und dann: nach Hause kommen: einkaufen? Praktische Hilfe? Haushalt? Kinder?

Definitiv anders als bei gesunden Partnern!

Wie schafft er die Doppel – und Dreifachbelastung? Körperlich, seelisch???

Wer hilft ihm?

Wer sieht es überhaupt und nimmt es wahr???

Oder die Mutter eines Betroffenen: meine Mutter fragte sich bei meiner Diagnosestellung: „warum meine Tochter?“ Und: „ich habe sie doch ein Jahr lang gestillt, hat das nicht geholfen?!“ (als Allheilmittel!)

Meine Mama ist heute 73 Jahre alt und sie kümmert sich mehr um mich, als umgekehrt. Bei uns hat bis jetzt der normale Rhythmus  des „Kinder helfen den Eltern“,  noch nie statt gefunden. Und wird er jemals stattfinden können? Das ist auch ein Aspekt: was passiert, wenn meine Mutter Hilfe braucht und ich sie ihr nicht in dem Ausmaß geben kann, wie sie sie bräuchte?

Und: wie fühlt eine Mutter, wenn ihr Kind unheilbar krank ist?

Ich bin selbst Mutter: ich würde meinen Kindern lieber solch eine Krankheit abnehmen, als sie ihnen zu „lassen“. Wenn ich könnte …

Ich würde mitleiden, ich würde trauern und unglaubliche Angst um sie haben.

Es tut mir so leid für meine Mutti: keiner kann etwas für diese Krankheit; sie ist einfach da! Aber ich bin als Tochter dankbar, dass sie mir die „Werkzeuge“ mit auf den Weg gab, die mir nun bei der Krankheitsbewältigung helfen. Das ist doch schon „die halbe Miete“!

Danke Mutti 🙂

Meine Kinder: ich bin selbst „Kind“  und weiß, wie man mit der Mutter mitleidet und Angst um sie hat, wenn sie einmal krank ist. Nur, ich bin nicht „mal“ krank: ich bin unheilbar krank mit ungewissem Ausgang. Das muss für meine Kinder schlimm sein. Ich hoffe nur, dass ich ihnen auch „Werkzeuge“ mitgegeben habe, um mit diesem Schicksal zurecht zu kommen und bin so dankbar, dass ich 2 gesunde tolle Kinder vor der Diagnosestellung zur Welt gebracht habe.

Mein Bruder mit Familie, meine echten Freunde: auf sie trifft das alles auch irgendwie zu. All Diejenigen, die mit mir in enger Verbindung stehen, leben auch ein Stück meine MS mit mir. Es ist ihr Schicksal, ebenso, wie meines.

Ich wünsche mir für alle meine Lieben, dass sie Jemanden ganz nah haben, der sie fragt: „Wie geht es Dir damit?“, der sie ernst nimmt in ihren Sorgen, der ihnen zuhört und keine „guten Ratschläge“ gibt; Jemanden, der einfach da ist!
Und vor allem sage ich hiermit DANKE an genau all diese Lieben: an meinen wundervollen Mann, meine Kinder, meine Mama, meinen Bruder und meine ebenfalls wundervollen guten Freunde, die mir alle auf ihre Weise  zur Seite stehen 🙂 Ohne Euch würde mein Leben bedeutend anders und trauriger aussehen … IHR macht es lebenswert !!!

©Heike Führ/www.multiple-arts.com