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PFINGSTEN UND MUSIK

Ob es sich jemand vorstellen kann, der nicht an einer Erkrankung wie MS (oder Ähnlichem), bzw. an einer dermaßen überwältigenden ERSCHÖPFUNGS-Symptomatik,  leidet, wie es ist, wenn man sich auf einen Ausflug vorbereitet? Vorbereiten muss?
Ich habe das Glück, dass mein Mann ein wunderbarer Musiker ist und sowohl solo, (www.kidblue.de) als auch mit seiner Band („Jerry and the T-Birds“) auftritt.

Ihr kennt meine Geschichte: MS und vor allem FATIGUE: dies bedeutet ein immer wieder neu zu überdenkendes und anzupassendes Energiemanagement.
Was, passend für den kommenden Gig am Wochenende Folgendes bedeutet (der Auftritt mit der Band findet nicht in Mainz, oder der Umgebung statt, sondern in Erlangen):  voll durchgeplantes Energiemanagement schon mindestens 2 Wochen im  Voraus.

Klingt bis dahin ok?

Nein, sehr wenig ist „ok“: abgesehen davon, dass mein Mann bangen muss, wie es mir geht und sich sicher mehr Gedanken macht, als ich denke, bereite ich mich also seit rund 2 Wochen theoretisch auf diesen Ausflug vor:

theoretisch, weil ich es geplant und organisiert habe, aber es bleibt bei „theoretisch“, da mir die Wirklichkeit einen Strich durch die Rechnung macht.

Fangen wir vorne an: theoretisch plane ich, 2 Wochen vor dem Ereignis, so wenig wie möglich Termine zu haben (Energiemanagement zum Ersten), viel zu ruhen und mich doch zu bewegen (Ausgleich zum Zweiten) und somit Kraftreserven für das kommende Wochenende zu schöpfen.

In der Praxis sah es anders aus: ich plage mich seit ca. einer guten Woche mit zum Teil sehr heftigen Migräne-Anfällen (und diese kommen nicht, falls das Jemand meint, vom Vorbereiten oder dem Druck des Vorbereitens: nein, über dieses Stadium bin ich schon längst hinaus: es sind die Migräneanfälle, die ich immer mal habe und die meiner Meinung zu einem Großteil mit der MS, oder den Nebenwirkungen meiner Spritzen zu tun haben). Somit habe ich sehr starke Schmerzmedikamente nehmen müssen, die mir nicht gut bekommen sind und meinen Körper zusätzlich belastet haben. Immerhin habe ich viel gelegen und geruht 😉 Aber von „ausgeruht“ kann keine rede sein 😉

Dann hatte die Rentenversicherung den Einfall, mich/meine Akte doch mal wieder bemerken zu wollen und im laufenden Widerspruchsverfahren ein erneutes Gutachten meines Neurologen zu brauchen, das NATÜRLICH  innerhalb von 5 Tagen zum Neurologen und wieder zur RV geschickt sein muss. Also ein „bisschen“ Hektik in meinem ruhig geplanten Alltag, ein Arztbesuch, um neue Migränemedikamente zu bekommen und und und…. (Erschöpfung zum Dritten)!
Nun steht als der große Gig fast vor der Tür: noch „2x schlafen“, dann fahren wir los. Eine Autofahrt von mindestens 3 Stunden und die Hoffnung, dass ich sie gut schaffe: kein Bein taub wird, keine neuralgischen Schmerzen auftreten, keine Kribbelparesen und vor allem bitte bitte keine Migräne und keine Fatigue !!! Und bitte keinen Stau, denn das kann schlecht ausgehen (= Stress und noch längeres Sitzen usw.)

So, dort angekommen werden wir direkt erst einmal zum Bühnenbereich fahren und die anderen Bandmitglieder treffen, aber dann kommt schon mein erstes Ausklinken: nicht, weil ich es so möchte. Nein, ich habe keine Wahl: ich MUSS mich zurückziehen, ausruhen und alle Reizüberflutung abschalten, um für den abendlichen Auftritt einigermaßen fit zu sein. Ich werde an diesem Tag (an dem ich ja abends noch spritzen muss) die Höchstdosis meines Anti-Fatigue-Mittels nehmen, evtl. noch eine Aspirin, die mich etwas aufputscht; mehrere gut ausgewählte Nahrungsergänzungsmittel und ein homöopathisches Mittel, um „fit“ zu bleiben. Für die Nacht, das weiß ich schon jetzt, werde ich eine Schlaftablette nehmen müssen … meine überreizten Nerven kommen sonst nicht zur Ruhe. Dies alles neben den sowieso üblichen Medikamenten, die ich täglich nehme. Alkohol verbietet sich an diesem Abend von selbst.
Wenn ich viel Glück habe, bin ich gut ausgeruht und kann zu einem für mich passenden Zeitpunkt zur Bühne gehen („gehen“, wenn mich mein Bein, das unter Stress hinkt, in Ruhe lässt) und dabei sein. Für Sitzmöglichkeit sei gesorgt, sagt man uns (das Hotel liegt auch extra nah) und ansonsten wird mir wohl ein Klapphocker zur Verfügung stehen und mit meinen Gehstock im Gepäck marschiere ich also auf.

WIE werde ich den Abend verkraften?

Es ist mir für einen Moment , einen Abend lang, egal: ich werde versuchen, alles, was möglich ist zu genießen. Die Musik, die anwesenden Freunde und die Atmosphäre des Festes. Ich weiß (das bilde ich mir ein), dass ich zumindest einen Teil des Abends gut schaffe, das ist mein unerschütterlicher Optimismus. Ich nehme immerhin an einem Event teil, auf das ich mich FREUE 🙂

Wie es mir in den Tagen danach, am nächsten Tag schon gehen wird, das steht in den Sternen. Mit viel Glück brauche ich NUR ein paar Tage zur „Erholung“, mit Pech ein bis drei Wochen. 

Ist es das WERT? 

JA, ist es!

Also ziehe ich auf in den „Kampf“, hoffe auf Toiletten in der Nähe, oder zumindest, dass ich gut zum Hotel durchkomme; hoffe darauf, dass ich wirklich den ganzen Abend über sitzen kann und hoffe, dass mich weder Schmerzen, noch FATIGUE überkommen und ich feiern kann.

Für alle Zweifler: würde ich mich nicht vorbereiten, das habe ich auch schon ausprobiert, dann würde ich weder die Reise, noch den anschließenden Auftritt, geschweige denn die Heimfahrt „gut“ überstehen. Mir haben solch ungeplante  Ausflüge schon eine wochenlange Fatigue eingebracht …

Also drückt mir die Daumen für meinen Ausflug !

Aber Ihr kennt mich: ich gebe nicht auf! Weder höre ich auf zu kämpfen, noch verliere ich die Hoffnung auf einen schönen Abend und schon gar nicht lasse ich mir durch die MS und ihre Begleitumstände die Lebensfreude nehmen 🙂

Habt ALLE ein tolles, schmerzfreies und möglichst symptomarmes langes WE, passt auf Euch auf !!!
© Heike Führ/MULTIPLE ARTS.com

MS-untaugliche Sprüche Teil 11

Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“
-aus Afrika-

 

Doch doch doch!!!!!

Doch wächst es schneller, wenn man daran zieht. Oder nicht?

Vielleicht lande ich hierbei automatisch wieder bei meinem „Lieblingsthema GEDULD“´…

Wenn ich das Gras wachsen lasse, brauche ich Geduld. Diese habe ich leider nicht in größeren Mengen vorrätig.

Andererseits habe ich noch nie am Gras gezogen, um es schneller wachsen zu lassen 😉 Aber dies ist nun auch ein sehr plastisches Überlegen.

 

Übersetzt bedeutet das Zitat ja, dass man sich in Geduld üben sollte und nicht am entstandenen Problem ziehen und zerren soll, da es dadurch auch nicht schneller funktioniert oder sich auflöst.
So weit, so gut.
Nun kommen wir aber zur MS: nicht, dass ich an der MS ziehe: um Himmels Willen NEIN! Ich lasse sie am liebsten in Ruhe. Immer verbunden mit der Hoffnung, sie möge sich nicht an mich erinnern.

Aber ich kann es nicht lassen, mich zu informieren, immer mal irgend etwas Neues auszuprobieren oder zu testen (neue Nahrungsergänzungsmittel, oder einen Heiler ) und deshalb meine ich schon, dass ich irgendwie am Gras ziehe 🙂
Ich habe immer die Hoffnung, dass durch mein (ungeduldiges) Zutun, irgend etwas Sensationelles passiert. Ein Hoffnungsschimmer auf Heilung, oder Linderung? 

Vernunft ist auch nicht immer des Rätsels Lösung. Also wisst Ihr was? Ich ziehe weiter sinnbildlich am Gras und hoffe auf ein Wunder – aber nicht, dass mich jemand im Garten sucht 😉

Hallo MS!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*MS-untaugliche Sprüche Teil 9+10

MS-untaugliche Sprüche Teil 9

Kein Weg ist zu lang für den, der langsam und ohne Eile vorwärts schreitet.

-Jean de La Bruyére-

 

Dies hat nun definitiv jemand geschrieben, der noch nie Probleme hatte, irgend einen Weg zu gehen.

Und damit meine ich „gehen“ im wörtlichen, als auch im übertragenen Sinn; wie zum Beispiel  einen Weg auf geistiger Ebene zu beschreiten.

Langsam und ohne Eile vorwärts schreiten.

Ja, das kann jemand tun, der alle Zeit der Welt, verbunden mit Sorglosigkeit, hat.

Gut, langsam kann ich sowieso nur noch vorwärts schreiten 😉 Rückwärts kann ich schlecht gehen und schnell weder vorwärts, noch rückwärts 😉 Das muss auch mal gesagt werden 😉

Aber für mich sind viele Wege zu lang: die Wege zum Laufen sind alle zu lang. Der Weg zum Auto und zur nächsten Bank ist ok. Ansonsten ist mir jeder Weg zu lang und zu beschwerlich. Im übertragenen Sinne auch, denn mancher Weg, den es geistig zu erklimmen gilt, ist unüberschaubar lang.

Der Weg meines nun oft zitierten Widerspruchs bei der Rentenversicherung ist unermesslich und untragbar lang. Für mich viel zu lang.

Genauso unkalkulierbar und unüberschaubar wie die MS an sich.

Und was nutzt es mir in diesen Fällen, langsam voran zu schreiten? Nichts nutzt es mich, denn ich möchte ja mein Ziel erreichen. Ich möchte es nicht nur, ich MUSS, denn sonst ist mein Lebensstandard stark gefährdet, weil z.B. meine Krankengeldzahlung ausläuft. Arbeiten gehen kann ich in dem Umfang von „vorher“ nicht mehr, also bin ich auf die Zahlungen meiner Krankenkasse angewiesen. Und da macht es mich wieder einmal sehr wütend, wenn ich solch vermeintlich schlauen Sätze lese, kein Weg sei zu lang für den, der langsam und ohne Eile vorwärts schreitet.

Das können Leute sagen und behaupten, die noch nie in solchen Situationen waren. Leute, die so gestellt sind, dass sie sich scheinbar noch nie in Abhängigkeiten befanden.

Schön für sie, aber ich möchte von solchen Weisheiten verschont bleiben, denn ich erlebe es anders. Existenziell nämlich. Bedrohend. Ich kann es mir auf mehreren Ebenen nicht leisten, alles in Ruhe anzugehen. Weder GESUNDHEITLICH; noch finanziell. Die MS wartet nicht auf meine Langsamkeit, sie hat leider ihr ureigenes Tempo. Sie bestimmt es selbst, ohne Rücksicht auf meine Einsichten zu nehmen.

Also: ich gehe meinen Weg auf meine Weise!

Und wenn es unvermeidlich ist, nehme ich die MS mit. Aber nur dann! 😉

 

 

 

 

MS-untaugliche Sprüche Teil 10

Der Weg ist das Ziel.“   -Konfuzius-

Naja, stimmt doch fast. Eigentlich liebe ich dieses Zitat und habe es gerade beruflich im pädagogischen Bereich tausend mal benutzt, um deutlich zu machen, dass es besonders für Lernende entscheidend ist, nicht direkt ans Ziel zu gelangen, sondern dass der Weg dort hin das Ziel an sich ist.

Auch für andere Bereiche trifft es zu: zum Beispiel eine Massage bei der Physiotherapeutin: natürlich möchte ich als Ziel erreichen, dass ich gelockerte Muskeln habe, aber die Massage an sich ist doch herrlich schön und angenehm. Da ist mir der Weg als Ziel deutlich lieber 😉

Oder Essen: klar, ich möchte satt werden, um keinen Hunger zu leiden, aber das Essen macht doch so viel Freude, ist ein Sinnesrausch unvergleichlicher Art.

So gibt es viele viele Beispiele.

Aber, das Zitat wäre ja nicht auf meiner Liste für MS-untaugliche Sprüche, wenn es nur Positives zu berichten gäbe 😉
Für die MS ist es mein Ziel, dass ich möglichst stabil bleibe, meinen momentanen Status halte. Das ist mein Endziel und nicht mein Weg. Ich möchte zu diesem Ziel keinen langen Weg zurücklegen müssen, denn dieser zeigt sich meist sehr beschwerlich und unerfreulich!

Hier macht es mir keinen Spaß, den schwierigen Weg zu gehen. Ich möchte lieber gleich ankommen.

Ein MS-Weg ist meistens beschwerlich, uneben und steckt voller Überraschungen. Allerdings sind dies selten nette Überraschungen. Sie gehören eher zu der Sorte der „bösen Überraschungen“!

Also einigen wir uns auch bei diesem Zitat darauf, dass es zwar Alltags-tauglich ist und seinen Sinn macht, es aber nicht MS-tauglich ist! 😉

Hallo MS, bei dieser Gelegenheit 😉

Auf den Spuren der Multiplen Sklerose: Wo und Wann lösen Immunzellen im Gehirn eine Autoimmunerkrankung aus?

  • 29.04.2013|

Entstehung / Pathogenese der MS

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen konnten mittels biologischer Leuchtsensoren erstmals im Modell für Multiple Sklerose (MS) zeigen, wo und wann die selbstzerstörerische Gehirnentzündung ausgelöst wird. Die Ergebnisse wurden in “NATURE MEDICINE” veröffentlicht.

 

246282372179751?notif t=like - Auf den Spuren der Multiplen Sklerose: Wo und Wann lösen Immunzellen im Gehirn eine Autoimmunerkrankung aus?
Quelle: umg/imsf göttingenAbb. 1: Die Abbildung zeigt T-Lymphozyten mit Leuchtsensoren. Das grün-leuchtende Signal des Sensors wandert bei Aktivierung des T-Lymphozyten in den Zellkern (links, grüne Pfeile: ruhende Lymphozyten; rechts, gelbe Pfeile: aktivierte Lymphozyten).

Gleich mehreren bisher ungeklärten Details im Krankheitsgeschehen der MS sind Wissenschaftler der Abteilung Neuroimmunologie und des von der Hertie-Stiftung geförderten Instituts für Multiple Sklerose Forschung (IMSF) der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) mit einer neuen Technik auf die Spur gekommen. Mit Hilfe von Leuchteiweißen konnte das Forscherteam unter Leitung von Prof. Dr. Alexander Flügel erstmals in einem Modell für MS einzelne Schritte in den Abläufen sichtbar machen, die die zerstörerische Autoimmunerkrankung im Gehirn auslösen. Bisher ungeklärte Fragen zum autoimmunologischen Geschehen und zu den krankmachenden Immunzellen ließen sich auf diese Weise am lebenden Objekt beobachten und aufklären. Die Ergebnisse der Forschungen sind in der Mai-Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins NATURE MEDICINE veröffentlicht.

 

246282372179751?notif t=like - Auf den Spuren der Multiplen Sklerose: Wo und Wann lösen Immunzellen im Gehirn eine Autoimmunerkrankung aus? Quelle: umg/imsf göttingen

Abb.2: Ein T-Lymphozyt wird nach Kontakt mit einer Fresszelle aktiviert. Jedes Bildfeld zeigt enen Zeitpunkt aus der Viedo-Aufnahme dieses Zusammenspiels zwischen diesen beiden Zellen.

Autoimmunerkrankungen werden durch bestimmte Immunzellen, sogenannte T-Lymphozyten, ausgelöst, die sich gegen das eigene Gewebe richten. Bei der Multiplen Sklerose (MS), einer Autoimmunerkrankung des Zentralnervensystems, dringen T-Lymphozyten in das Gehirn ein. Sie verursachen dort Entzündungsreaktionen, die mit schweren und zum Teil bleibenden Ausfallserscheinungen, z.B. Lähmungen und Gefühlsstörungen, einhergehen können. Bekannt war bisher: Um ihr selbstzerstörerisches Werk im Gehirn von MS-Patienten ausüben zu können, brauchen T-Lymphozyten unbedingt Hilfe. Offenbar verraten Zellen des Zentralnervensystems wichtige Informationen zur Identität des Hirngewebes. Von allein können T-Lymphozyten das Hirngewebe nicht erkennen.
Auch der grobe Ablauf war bekannt: Ahnungslose Helferzellen präsentieren den “unwissenden” T-Lymphozyten Bruchstücke von Hirngewebseiweißen auf speziali-sierten Trägereiweißen, den sogenannten MHC-Molekülen. T-Lymphozyten können die Bruchstücke mit ihren Spezialantennen ertasten und lernen auf diese Weise Hirngewebe zu erkennen. Dieses Erkennen von Hirngewebe ist letztlich der ent-scheidende Auslöser für die Autoimmunerkrankung. Die Immunzellen sind nun aktiviert und werfen in Folge ein Alarmprogramm an, das in der Freisetzung von ner-venschädigenden Boten- und Abwehrstoffen mündet.
Unklar war bisher: Welche Zellen des Nervensystems leisten diese fatale Hilfe? Wo im Hirngewebe findet die Aktivierung genau statt? In welcher Phase der Hirn-gewebsentzündung sind diese Prozesse des Erkennens überhaupt für die Ausprägung der Krankheit von Bedeutung?
ALARMANLAGE FÜR DAS GEHIRN Mitarbeiter der Abteilung Neuroimmunologie und des Instituts für Multiple-Sklerose-Forschung (IMSF) unter der Leitung von Prof. Dr. Alexander Flügel haben ein biologisches Signalsystem entwickelt, mit dem sie diesen Fragen direkt im lebenden Nervensystem nachgehen können. Die Wissenschaftler schleusten hierfür verschiedenfarbige Leuchteiweiße in die krankmachenden T-Zellen ein. Die Leuchtsignale weisen bei ruhenden, nicht aktivierten T-Lymphozyten ein bestimmtes Verteilungsmuster auf. “Sobald die T-Lymphozyten aber auf ihre Helfer treffen und durch die Erken-nung der Gehirnsubstanz aktiviert werden, kommt es rasch zu einer charakteristi-schen Umverteilung der Leuchtsignale”, sagt Dr. Dmitri Lodygin, Erstautor der Studie (Abb. 1 und Abb. 2). Das neuartige Alarmsystem konnten die Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen bei einem Krankheitsmodell der MS erfolgreich testen. Dabei nutzten sie eine spezialisierte Mikroskopietechnik, um die Verteilung der leuchtenden Alarmsignale in den T-Lymphozyten in Echtzeit zu filmen.
“VERRÄTERISCHE” WACHPOSTEN Im gesunden Gewebe des Zentralnervensystems gibt es nicht so viele Zellen, die den T-Lymphozyten bei der Suche nach Hirngewebe helfen könnten. Wie aber kommt der Autoimmunprozess dann in Gang? Diese Frage konnten die Göttinger Wissenschaftler nun mit Hilfe des neuentwickelten Alarmsystems erstmals zweifels-frei beantworten. Sie fanden heraus, dass die krankmachenden T-Lymphozyten sofort nach dem Verlassen der Blutbahn auf ihre Helfer treffen. Es handelt sich um Fresszellen, sogenannte Makrophagen. Deren eigentliche Aufgabe ist es, das Ner-vengewebe vor potentiell gefährlichen Eindringlingen zu schützen. Allerdings schei-nen diese Fresszellen auch entsorgte Hirneiweiße aufzusammeln und diese den krankmachenden T-Lymphozyten zu zeigen. Die Folge: Die T-Lymphozyten entfal-ten in den Hirnhäuten eine Entzündungsreaktion, die sich rasch auf das angrenzen-de Nervengewebe ausweitet.
KURZ, ABER HERZLICH Ungewöhnliches konnten die Göttinger Forscher beim Filmen der ersten Aktivierungsschritte von T-Lymphozyten beobachten. T-Lymphozyten sind in ihrem Leben nahezu ständig auf Achse, d.h. sie bewegen sich rastlos auf der Suche nach Partnern, die ihnen Aktivierungssignale liefern. Wenn sie schließlich auf diese treffen, stoppen sie und bilden in der Regel eine langdauernde und enge Verbindung mit den Helferzellen. “Die T-Lymphozyten im Nervensystem zeigten allerdings ein völlig anderes Verhalten: Sie machen nur kurz Halt, wenn sie auf ihre Partner treffen, star-ten ihr Aktivierungsprogramm und setzen dann ihren Weg fort. Nur beim fortgeschrittenen Entzündungsprozess bildeten die T-Lymphozyten auch dauerhafte Kontakte aus”, sagt Dr. Lodygin. Eine spannende Frage bleibt daher für die Forscher: Welche dieser Verbindungen ist für eine vollständige Aktivierung der Lymphozyten verantwortlich? Sind es die kurzzeitigen, die langdauernden, oder gar eine Kombination aus beiden Verbindungen?
WER DEN ANFÄNGEN NICHT WEHRT Das Zentralnervensystem kann sich interessanterweise sehr schnell auf eine Entzündungssituation einstellen. Das zeigt sich u.a. daran, dass im entzündeten Gewebe Gehirnzellen plötzlich ganz viele MHC-Moleküle auf ihrer Oberfläche haben können. Das trifft vor allem für die sogenannte Mikroglia zu. Mikrogliazellen sind die “verkappten Immunzellen” des Zentralnervensystems. Sie sind zahlreich im gesamten Nervengewebe verstreut und können im Entzündungsfall rasch MHC-Moleküle aufbauen: Dadurch sind sie sehr schnell in der Lage, T-Lymphozyten die Eiweißstü-cke zu präsentieren.

 

246282372179751?notif t=like - Auf den Spuren der Multiplen Sklerose: Wo und Wann lösen Immunzellen im Gehirn eine Autoimmunerkrankung aus? Quelle: umg/imsf göttingen

Abb.3: Die Abbildung zeigt die Aktivierung eine T-Lymphozyten im entzündeten Nervengewebe. Der krankmachende T-Lymphozyt ist im Kontakt mit einer Mikrogliazelle.

Genau das konnten die Göttinger Forscher beobachten: Die in das Nervengewebe eingedrungenen T-Lymphozyten trafen dort auf Mikroglia und andere Fresszellen, die durch den Entzündungsprozess aus der Blutbahn angelockt worden waren. Viele der T-Lymphozyten zeigten das typische Aktivierungsmuster der Leuchtsignale. “Während der fortgeschrittenen Entzündungsphase findet also auch tief im Nervengewebe eine durch Mikroglia und periphere Fresszellen-vermittelte Lymphozytenaktivierung statt”, sagt Prof. Flügel. (Abb.3) Diese Ergebnisse führten die Forscher zu der entscheidenden Frage: Zu welchem Zeitpunkt muss die T-Lymphozytenaktivierung stattfinden, damit sich eine Autoimmunerkrankung ausbildet?

Erstaunlicherweise zeigte sich, dass frühe, noch vor Ausbruch der ersten Krankheitssymptome auftretende Aktivierungsprozesse entscheidend für den Verlauf der Erkrankung waren. “Nach Beginn der Erkrankung konnte zwar die Aktivierung der T-Lymphozyten immer noch gezielt geblockt werden”, so Dr. Lodygin. “Das hatte aber keine Konsequenz mehr für den Krankheits-verlauf.”
AUSBLICK: WANN MUSS EINGEGRIFFEN WERDEN? Die Beobachtungen des Göttinger Forscherteams könnten auch für die menschliche Erkrankung von Bedeutung sein. Das Blockieren der T-Lymphozytenaktivierung stellt ein potentielles Ziel therapeutischer Interventionen dar. Die Ergebnisse der Arbeit weisen allerdings darauf hin, dass eine derartige Behandlungsform bei der MS wohl nur dann wirksam sein könnte, wenn sie bereits vor Ausbruch der klinischen Symptome gestartet wird.

 

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 Erst-Autor: Dr. Dmitri Lodygin

Originalveröffentlichung: Dmitri Lodygin, Francesca Odoardi, Christian Schläger, Henrike Körner, Alexandra Kitz, Michail Nosov, Jens van den Brandt, Holger M Rei-chardt, Michael Haberl & Alexander Flügel. A combination of fluorescent NFAT and H2B sensors uncovers dynamics of T cell activation in real time during CNS auto-immunity, Nature Medicine (2013) doi:10.1038/nm.3182.
WEITERE INFORMATIONEN: Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität Abteilung Neuroimmunologie / Institut für Multiple-Sklerose-Forschung Prof. Dr. Alexander Flügel Telefon 0551 / 39-13332 IMSF@med.uni-goettingen.de

Quelle: PI Universitätsmedizin Göttingen – 29.April 2013 Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. – 29. April 2013

Läsionen an motorischen Fasern deuten auf erhöhtes MS-Risiko hin

18.04.2013

Siena (sr) – Eine Reihe von klinischen Studien hat in den letzten Jahren gezeigt, dass eine frühzeitig begonnene krankheitsmodifizierende Therapie (idealerweise schon nach einem ersten klinisch isolierten Syndrom (KIS)) das Entstehen einer voll ausgebildeten Multiplen Sklerose (MS) verzögern kann. Eine Forschergruppe um Dr. Antonio Giorgio aus Siena hat nun untersucht, inwieweit der Ort des Auftretens von Läsionen im Gehirn bei Patienten mit KIS eine prognostische Bedeutung für das Risiko einer klinisch manifesten MS besitzt. Weiterlesen