Archiv für den Monat: Juni 2013

*Morgenstund´

Die erste Morgenstunde ist das Steuerruder des Tages.

-Augustinus-

 

Sehen wir es Augustinus nach, dass es zu seiner Zeit noch keine bekannte MS gab. Und vor allem nicht das Phänomen der Fatigue.

Die erste Morgenstunde ist für einen Fatigue`ler der blanke Horror.

Nach einer meist nicht wirklich gut verbrachten Nacht, oder zumindest nicht sehr erholsamen Nacht, ist Aufstehen etwa so, als wenn ein Gesunder eine schwere Grippe mit hohem Fieber, Gliederschmerzen und Erschöpfung hat und dann aufstehen und sich zur Arbeit fertig machen soll. Jeder, der einmal eine schwere Grippe hatte, kann sich vielleicht noch daran erinnern, dass AUFSTEHEN in diesem Zustand nahezu unmöglich ist. Im Gegenteil: man bleibt gleich liegen, meldet sich auf der Arbeitsstelle krank und lässt sich nach Möglichkeit bedienen und verwöhnen. Irgendwann klingt die Grippe Dank guter Medikamente, viel Ruhe und Schlaf wieder ab und man wird wieder gesund und so leistungsfähig wie vorher.

Bei Fatigue ist das leider anders: dieser grippeähnliche Zustand ist unser NORMALZUSTAND, jeden Tag, jeden Morgen fühlen wir uns so. Und wir MÜSSEN aufstehen, da wir unser Leben ja nicht im Bett verbringen möchten … Nun stelle man sich die Kraft vor, die wir benötigen, um aufzustehen!!! Immer die schwere ans Bett fesselnde Grippe im Hinterkopf…
WIR stehen auf!

Wir müssen uns zwar manchmal nach dem Duschen gleich wieder hinlegen, ausruhen und einen neuen Anlauf wagen, um uns Frühstück zuzubereiten, ABER wir stehen auf. Mit Grippe sozusagen.

Viele Fatigue`ler gehen noch arbeiten, oder müssen noch arbeiten gehen. Also stelle man sich vor, „man“ würde mit schwerer Grippe arbeiten gehen müssen und sich nicht hinlegen, ausruhen und vor allem nicht genesen können.

DAS ist FATIGUE-Alltag und wir meistern ihn mit dem Wissen, NIEMALS davon genesen zu können. Uns begleitet diese spezielle Grippe ein Leben lang (wenn keine Heilung gefunden wird) und wir spüren sie  ja auch nicht nur morgens. Sie begleitet uns den gesamten Tag, sie behindert uns den ganzen Tag und lässt uns einfach nicht in Ruhe. Manchmal kommt sie ja noch dazu anfallartig über uns hereingerollt …
Ja, und auf das Zitat von Augustinus zurück zu kommen: Morgenstunde ist im MS-Fatigue-Fall keineswegs ein Steuerrad, sondern eine immerwährende Hoffnung auf einen guten MS-Tag. Denn selbst, wenn sich die Morgenstunde als gnädig erweist, kann es eine halbe Stunde später schon wieder anders aussehen. Die MS ist unberechenbar und lauert …  Sie lauert auf eine noch so kleine Chance, sich bemerkbar machen zu können …
Und dennoch stehen wir auf, kämpfen und sehen dem Tag mit einem Lächeln entgegen. Denn wir sind stark und geben die Hoffnung auf einen Tag, der vielleicht auch einmal „glatt“ verläuft, niemals auf ..!

©Heike Führ/www.multiple-arts.com

*Herr Uthoff

 

                                                                                        Sommer 2012

WIKIPEDIA:

Es wurde 1890 von Wilhelm Uthoff, einem deutschen Augenarzt, als temporäre Verschlimmerung der Symptomatik bei Patienten mit einer Optikusneuritis beschrieben, als diese sich körperlich anstrengten. Weitere Forschungen zeigten auch eine Verschlechterung bei verstärkter Hitzeeinwirkung.

Das Uthoff-Phänomen kann bei allen Erkrankungen auftreten, die mit beschädigten Markscheiden der Nervenfasern einhergehen, wie z. B. MS.

Kennt Ihr das: ungebetene Gäste?

In meinem früheren Leben, als ich von der MS noch nichts ahnte und mich recht gesund und fit wähnte, da mochte ich Überraschungsgäste schon nicht so sehr, weil ich schon immer gerne meine Ungestörtheit genießen wollte, neben dem lärmenden hektischen Alltag, in dem man ja nie sicher vor (bösen) Überraschungen war.

Als meine Kinder noch hier wohnten, hatten wir auch schon einen Stammgast: den „Herr Niemand“.

Ich sah ihn nie, aber er hinterließ überall seine Spuren: er plünderte den Kühlschrank, er brachte die Kinderzimmer in große Unordnung, er verlegte Dinge, er machte Dreck an Ecken, die man gar nicht kannte und manche Dinge ließ er schlicht und ergreifend verschwinden.

Ich mochte ihn nicht und finde, er hätte sich mal vorstellen können. Meine Kinder allerdings kannten ihn: auf meine Frage: „wer war denn das schon wieder?“, kam immer die Antwort: „Niemand“!

Gut Herr Niemand, es gibt Dich, wenn auch unsichtbar und ehrlich gesagt, bist Du mir selten positiv aufgefallen.

Scheinbar verließ er unser Haus, als die Kinder auszogen, gut so!

Ich muss sie mal fragen, ob er nun bei ihnen wohnt 😉

Ich hatte eine Zeit lang Ruhe vor ungebetenen Hausgästen.

Seit sich meine MS schleichend verschlimmert, gibt es aber wieder einen neuen Überraschungsgast in unserem Haus: aber glaubt es mir: er ist um Vieles unerträglicher als Herr Niemand: er hat auch einen Namen: Herr Uthoff!

Herr Uthoff hinterlässt auch seine Spuren, aber leider nicht im Haus, sondern in meinem Körper und das ist deutlich unangenehmer: z.B. zu Zeiten großer Hitze, die für mich „gefühlsmäßig“ sowieso nur schwer auszuhalten sind und ich nicht weiß, wo ich mich am Besten aufhalte: ich liebe eigentlich die Sonne, vor allem meinen Garten, meine Terrasse und ich liebe es, draußen im Freien zu sein. Bei milden, warmen Temperaturen. In meinem früheren Leben machte mir Hitze nicht sehr viel aus; ich konnte mich in die Sonne legen, genoss es sogar und freute mich über jeden Sommertag.

Aber seit mich Herr Uthoff regelmäßig bei Hitze besucht, hat sich dies geändert.  Herr Uthoff ist penetrant: er kommt ungefragt, ungewollt und teilweise mit einer Schlagartigkeit, so dass ich mich tatsächlich wie erschlagen fühle.

Er kommt herangestürmt, überrollt mich, fragt nicht und bleibt, so lange es ihm gefällt! Er kündigt sich auch nicht an. Das scheint er nicht nötig zu haben. Wenn er da ist, ist er da; mit all seiner Präsenz! Immerhin: wenn er meint, dass es Zeit ist zu gehen, verabschiedet er sich: langsam; manchmal kann ich mich darauf einstellen. Aber ganz ehrlich: wenn ein ungeliebter Gast geht, ist man doch froh, ihn los zu sein!

Es ist ja nicht so, dass ich die MS mal einen Tag nicht spüren würde. Das wäre ein unerwartetes Geschenk. Aber einen Zusatzgast, der mich mit großer Vehemenz an meinen ohnehin schon wackeligen Zustand bei Hitze erinnert, den brauche ich so gar nicht!

Hallo MS“ sagt  Herr Uthoff zu mir und alle Symptome, die ich kenne, (gerne aber auch mal neue MS-Symptome), begrüßen  Herrn Uthoff! Ein Empfangskomitee! Das wäre nicht nötig gewesen! Ich  finde,  wir kennen  Herrn Uthoff nun schon so  lange,

dass man ihn auch mal ignorieren könnte!

Aber er scheint hartnäckig zu sein und sprengt meine hart erkämpfte (MS-)Schale, dringt ein in mein Innerstes und kehrt die MS nach außen: mit Wucht!

Was mir bleibt? Ich flüstere völlig erschöpft: „Hallo MS! Sei gegrüßt, aber lass Dir sagen: jetzt gerade machst Du mir keine Angst! Du versorgst mich nicht mit einem neuen Schub! Du hast „NUR“ Herrn Uthoff mitgebracht! Ich weiß, dass er mir nicht wirklich was antun kann! Zusätzlich möchte er sich bemerkbar machen,  zusätzlich zu fürchterlicher Erschöpfung, schmerzenden Gliedmaßen, die Du auch noch mit Blei beschwerst, damit sie auch so richtig schwer und unbrauchbar werden“.

Aber ich weiß auch,  Herr Uthoff, wenn Sie gehen, wird es mir und meinem Körper langsam wieder besser gehen. Ich werde aufstehen aus dem tiefen Tal, ich werde siegen und in meinen Alltag zurückkehren. So lange, bis Sie wiederkehren! Aber ich gebe nicht auf! Ich mag Sie nicht und das werde ich Ihnen jederzeit wieder  mitteilen.

Vielleicht geben Sie irgendwann auf!“

Vielleicht …

Wahrscheinlich nicht! Das haben penetrante ungebetene Gäste so an sich!

Die Erfahrung lehrte mich, dass sich Herr Uthoffs unangenehmer Besuch doch im Laufe der Jahre erahnen lässt, weil er so unerbittlich in ganz bestimmten Situationen auftaucht! Manchmal kann ich ihn ein bisschen ignorieren: aber leider nur manchmal und vor allem nur dann, wenn ich nicht arbeiten muss. Eigentlich NUR dann, wenn ich mich hinlegen kann, ihn wie eine Welle über mich hinweg schwappen lassen kann und mir nach dem Tornado ein leckeres Eis gönne und laut „Tschüss“ rufen kann, auf nimmer Wiedersehen!

Wenn er verschwunden ist, denke ich, dass es ein seltsames Phänomen ist. Wohl kein Zufall, dass es sich „Uthoff`sches Phänomen“ nennt?!

Lieber MS`ler: Du bist nicht allein! Wir Mitbetroffenen kennen das alle und es ist ein weiteres der unsichtbaren MS-Symptome: das „Uthoff`sche Phänomen“, der „Pseudo-Schub“!

Liebe Angehörige: habt Erbarmen mit uns, wenn wir den ungebetenen Gast zu „Besuch“ haben und uns so sehr schlecht und wie von einem Tornado überrollt fühlen; wenn es uns mitten in der Hitze „eiskalt erwischt“ und wir uns nur elend fühlen; versucht mitzufühlen, zumindest zu akzeptieren. Danke!©Heike Führ/www.multiple-arts.com

*”Heute tut mir mal nichts weh …”

Mir fällt im Laufe meiner MS-Karriere immer mehr auf, wie dankbar ich um jeden Tag bin, an dem ich möglichst wenige Symptome habe. Beim Aufwachen checke ich schon automatisch, unbewusst, ob ich noch richtig sehen kann. Mein erster Schub war ja eine sehr heftige Sehnerventzündung; das linke Auge blind und nach außen gelähmt und das rechte Auge ebenfalls mit Sehstörungen geplagt. Dank hochdosierter Kortison-Stoßtherapie hat sich alles soweit wieder zurück gebildet, aber ich merke doch, dass selbst nach 19 Jahren der Schreck noch tief sitzt. Vielleicht ist es nicht mehr JEDEN Morgen, dass ich mein Augenlicht instinktiv überprüfe, aber doch oft, zumal mich immer noch Albträume deswegen plagen … Auch konnte ich damals meine Beine nicht mehr koordiniert bewegen und auch hier stelle ich fest, dass ich morgens manchmal meine Zehen zum „Test“ bewege….

In den letzten Jahren habe ich ja sehr heftig mit der Fatigue zu kämpfen und das belastet mich, meinen Alltag und ebenfalls mein „Umfeld“ stark. Sehr stark.

Manchmal merke ich schon während des Aufstehens, dass „heute keine guter (Fatigue)-Tag“ ist: die Beine schwer, jeder Muskel schmerzt (nicht etwas in Form von Muskelkater – darüber würde ich mich ja fast freuen, denn dann wäre ich in der Lage gewesen, Sport zu treiben). Wenn dann noch der berühmte MS-Nebel im Kopf dazu kommt, dann ahne ich schon, dass die Fatigue im Anrollen ist … Dann ist das Duschen schon eine Herausforderung und ich bin froh, wenn ich meinen geliebten Cappuccino noch zubereiten kann, ohne schon vorher erschöpft auf die Couch, oder wieder ins Bett zu fallen.

Dankbar bin ich an einem Morgen, wenn ich merke, dass es mir den Umständen entsprechend gut geht. Wenn mich mein Mann zum Beispiel fragt, wie es mir gehe und ich antworten kann „gut“! Dann staunen wir beide. Ja, soweit ist es schon: ein einfaches „gut“ löst Euphorie aus 🙂

Gut  – immer den Umständen der MS entsprechend gemessen – bedeutet nie, wirklich GUT, wie es einem gleichaltrigen Gesunden normaler Weise GUT geht,  sondern es bedeutet mein individuelles MS-GUT. Mein Mann und ich strahlen dann um die Wette. Ist es doch so selten geworden, dieses GUT. Und es ist deshalb um so kostbarer. Denn GUT bedeutet nicht, dass es an diesem Tag so bleibt. GUT kann sich innerhalb von Stunden, manchmal sogar Minuten in ein „GANZ SCHLECHT“ verwandeln. Schlecht im Sinne von plötzlicher Migräne, plötzlicher Fatigue oder plötzlichen neurologischen Schmerzen, Schwindel, tauben Beinen, oder anderen MS-Symptomen.

Also stelle ich für mich fest, dass ein Aufstehen am Morgen, oder ein Tag „OHNE SYMPTOME“ ein besonderer Tag ist und ich mittlerweile LEIDER eher wahrnehme, wenn ich NICHTS habe, also keine Symptome, Schmerzen o.Ä., als dass es mir auffällt, DASS ich Symptome habe. Das heißt also, mein Alltag ist geprägt von Symptomen. Damit lebe ich und fast jeder MS`ler: ein Alltag mit unangenehmen, teils unerträglichen Symptomen und Einschränkungen.

Wenn ich es mir so überlege, ist das schrecklich und sehr sehr traurig.

Ich kann mir also einen Alltag OHNE Einschränkungen und Beschwerden schon gar nicht mehr vorstellen !!!

Und trotzdem schaffen wir es, unseren Alltag zu meistern und auch immer ein Lächeln auf dem Gesicht zu haben. Und wenn ich mir das so recht überlege, können wir sehr stolz auf uns und unsere Leistung sein, die wir fast selbstverständlich jeden Tag aufs neue absolvieren.

©Heike Führ/www.multiple-arts.com

*SWR – ein guter MS-Tag …

„…ach wie gut, dass niemand weiß, was ich mit mir rumschleppe für einen Sch****“, gell Heike? 😉 wir sehen doch wohl aus, wie das blühende Leben :Ute Kuma-Beckschulte

 

Das ist ein Zitat einer MS-Freundin, die mein Foto nach dem Dreh mit dem SWR sah: ja, wie das „blühende Leben“ sieht manch einer von uns MS`lern aus … darüber habe ich ja schon einen separaten Text verfasst …

 

Aber mir hat dieser Ausspruch von Ute so gut gefallen, weil es wieder einmal so wahr ist und die Wahrheit so nett verpackt wurde.

 

Wie es sich ja herumgesprochen hat, wurde neulich bei mir zuhause und in der Selbsthilfegruppe der DMSG zum Welt-MS-Tag ein Portrait von mir gefilmt …

Ich hatte Glück: es war einer meiner guten Tage, aber andererseits hatte ich mich auch mit dem üblichen und entsprechenden Energiemanagement, als auch mit vielen Medikamenten auf diesen Tag vorbereitet….

Sieht man mir das in diesem Moment an?

Nein!

Man sieht eine Frau, die den Schein erweckt, das „blühende Leben“ selbst zu sein, zu verkörpern, es zu LEBEN.

Eine Frau, die weiß, was sie will, die vor der Kamera steht und erzählt, wie es ihr an manchen Tagen, an fast allen Tagen, manchmal sogar stündlich geht: „Erschöpfungsanfälle“, Fatigue hat sie.

Diese Frau? Sie lacht, sie scherzt, sie lässt sich filmen ..?
JA, diese Frau!
Diese Frau leidet unendlich an einem bei ihrer MS vorherrschendem Symptom: der Fatigue!

Dieses Symptom hat zwei Seiten, so, wie die MS 1000 Gesichter hat: es ist Fluch und Segen zugleich, dass man „es“ nicht sieht!

 

Das Problem dabei ist, dass man es mir glauben muss, wenn man es mir nicht ansieht und nicht immer hat man – vor allem in solch einem Moment –  die Kraft, sich zu erklären …

Und wenn man immer aussieht, als würde einem „die Welt alleine“ gehören, als sei man unglaublich fit … ja, dann wird allein dieses Problem zu einem echten und manchmal unüberwindbarem Hindernis, es WIRD zu einer BEHINDERUNG!

Die Fatigue behindert mich dermaßen im Alltag, dass es Ausmaße annimmt, die kaum erklärbar sind. Selbst ich frage mich manchmal, ob das alles tatsächlich so ist, oder ich mir etwas einbilde….  Schließlich will man ja nicht unreflektiert sein.

Aber spätestens, wenn die nächste Fatigue-Welle über mich schwappt, stelle ich nichts mehr in Frage, dann leide ich nur unendlich und bitte darum, dass es so schnell wie möglich vorbeigehen möge …

Und ich überlege dann jedes mal, ob nicht der „Bus“, der mich gerade überrollt hat, auch mal einen anderen Weg nehmen könnte? Ich würde ihn gerne mal in die Wüste schicken, dort ist fast Niemand, den er überrollen kann. Dort könnte er sich austoben und uns arme MS`ler in Ruhe lassen …

 

Zurück zum SWR: die Vorbereitung war also exzellent, der Tag lief mit den geplanten Pausen toll; fast ohne Fatigue, fast ohne Schmerzen, fast ohne Schwindel und fast ohne taube Gliedmaßen, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen und hinkendem Bein. Fast

Die Nacht danach: nur mit Schlaftablette möglich: es war zu viel Reizüberflutung, die mich nicht zur Ruhe kommen ließ, zu viel geistige Anstrengung eines langen Interviews, nochmaligem Nachstellen von Szenen, immer parat sein, geistig hell wach und möglichst gescheit antworten … 

Und eine körperliche Höchstleistung lag – für meine MS-Verhältnisse – hinter mir …

Der nächste Tag: „Hallo MS“! Hallo Fatigue, Erschöpfung und hallo MS-Symptome. Aber mein Seelchen war glücklich: hatte ich doch einen tollen Nachmittag und Abend mit einem super netten SWR-Team erlebt, konnte etwas über unsere MS und meine Form der MS erzählen und somit eine größere Lobby für die MS schaffen. Dafür nahm ich einen Tag in meiner geliebten Wohnzimmer-Ecke in Kauf …

Nein, ich MUSSTE dies in Kauf nehmen… Hätte man mir die Wahl gelassen, dann hätte ich mir gewünscht, telefonieren zu können und meinen Freundinnen berichten zu können, was ich erlebt habe. Dann hätte ich vielleicht gemalt, neue Texte verfasst, oder hätte mir sonst etwas Schönes gegönnt. So MUSSTE ich den ganzen und folgenden Tag liegen …
Wenn ich mir die Fernsehaufnahmen ansehe, wirke ich zwar (in meinen Augen) fremd, aber „krank“, „schwerbehindert“ sehe ich nicht aus. Und doch bin ich es: unheilbar und schwer krank, mit einem Schwerbehindertenausweis, dem GdB 50 und dem Merkzeichen „G“ (für Beeinträchtigungen beim Laufen).

Man sieht es nicht auf den ersten Blick, vielleicht auch nicht auf den zweiten Blick. Wer sich aber die Mühe macht, hinter die „blühend aussehende“ Fassade zu schauen, der kann erkennen, wo diese Fassade bröckelt, wo Schwachstellen sind … und auf diesen Blick sind all die Behinderten angewiesen, die sich mit unsichtbaren Symptomen einer Krankheit immer und immer wieder erklären müssen. (allerdings trifft dies teilweise auch auf sichtbare Behinderungen zu).

Also wünsche ich mir, dass der Fatigue-Bus diesmal einen Umweg macht und in der Wüste stecken bleibt und dass meine Mitmenschen zumindest die Bereitschaft für den „dritten Blick“ entwickeln und uns somit Energie schenken, die wir dann nicht für unnötige Erklärungen aufbringen müssen.

©Heike Führ / www.MULTIPLE-ARTS.com

 

 

 

 

 

*Aussehen, wie „das blühende Leben“!

Kennt Ihr das: „Du siehst aus, wie das blühende Leben!“ 

Ja, das ist wohl so.

Kann ich froh darüber sein?

Ganz ehrlich: ich habe MS und fühle mich manchmal schlicht und ergreifend beschissen, aber ich sehe aus, wie das „blühende Leben“.

Ich habe Schwierigkeiten, meine Beine in Bewegung zu setzen, ich habe taube Hände, der Trigeminusnerv schmerzt, ich habe Schwindel und gerade mal wieder Fatigue: sieht man es mir an? Nein, ich sehe aus, wie das blühende Leben.

Nicht falsch verstehen: ich bin froh, dass ich nicht „kränkelnd“, leichenblass mit schwarzen Ringen unter den Augen, oder gar dahinvegetierend wirke. Wirklich!

Aber muss ich gleich aussehen, wie das blühende Leben? Also ob ich vor Gesundheit strotze: rosige Wangen, nicht klapprig, geerdet und innerlich stabil: so wirke ich offensichtlich nach außen und dies verleitet den Ein oder Anderen zu der Annahme, ich SEI das blühende Leben.

Neulich habe ich nach mehr als 10 Jahren eine Klassenkameradin zufällig beim Radiologen getroffen: ratet mal, was ihr erster Satz war: „Du hast Dich ja gar nicht verändert (ist ja auch so eine Aussage für sich) und siehst aus, wie das blühende Leben! Geht’s dir gut?“  (sie war als Begleitperson mit ihrer Schwiegermutter dort).

Ja, geht es mir gut? Ich kam gerade von der Arztbesprechung nach dem MRT zurück und musste verkraften, dass sich wieder neue Entzündungsherde im Schädel gebildet haben. Schön, dass ich aussehe, wie das blühende Leben.

In mir tief drinnen ist gerade ein Stück meines Lebens für immer zerbrochen. Gerade, in dem Moment! Und ich sehe aus, wie das blühende Leben.

Ja“, antworte ich, „alles ok!“ und suche nach einem Fluchtweg: ich brauche Ruhe, muss meine Gedanken sammeln, um mit der erneuten Diagnose zurecht zu kommen.

Hallo MS!

Und wieder einmal stelle ich fest, dass es „Fluch und Segen“ ist, dass ich aussehe, wie das blühende Leben.

Segen, weil ich manchmal, wenn ich es möchte, meine MS „vertuschen“ kann (zumindest an guten MS-Tagen für kurze Zeit und nur, wenn das Gegenüber nicht sehr aufmerksam ist).

Fluch, weil es manchmal so schwer ist, Anderen begreiflich zu machen, wie schlecht es mir gerade geht, obwohl ich so gesund wirke.

Manchmal wünsche ich mir grüne Punkte im Gesicht, die signalisieren, dass ich gerade einen Schwächeanfall habe, dass ich gerade ganz viel Kraft aufwenden muss, um mein Bein anzuheben, oder es mich unglaubliche Anstrengung kostet, länger als 10 Minuten zu stehen.

Es kostet so viel Kraft, immer wieder den momentanen Zustand erklären zu müssen, weil man „es“ mir nicht ansieht.

Ich habe bei unseren Flugreisen, wenn ich den Rollstuhl-Service in Anspruch nehme,  die Erfahrung gemacht, dass es für Außenstehende so einfacher ist: sie sehen Jemanden im Rollstuhl sitzen: also ist klar: diese Person ist behindert, daraus folgt automatisch die Annahme: diese Person kann nicht, oder nicht gut laufen. 

Es vereinfacht sogar die Kommunikation und das Miteinander! Gleichzeitig bin ich unendlich dankbar und froh, dass ich nicht im Alltag auf den Rollstuhl angewiesen bin (an dieser Stelle ein lieber Gruß an alle „Rolli-Fahrer“) und akzeptiere in diesem Gedankenzusammenhang gerne auch das Aussehen wie das blühende Leben.

Aber einfacher ist es deshalb in diesen Momenten nicht.

Hallo MS!

Und wisst Ihr, was wirklich sehr rührend ist? Wenn gute Freunde, die meine Aversion gegenüber diesem Satz kennen, mich wiedersehen und sagen: „Du siehst gut aus, also Du weißt, was ich meine: trotzdem!“

Ja, trotz MS kann man blühend aussehen.

Hallo MS!

©Heike Führ/www.multiple-arts.com